Lautsprecher-Technologie?


Posted on Juni 28th, by Christian Wenger in Lautsprecher & Verstärker. No Comments

Lautsprecher-Technologie?

Seit 50 Jahren besteht ein Grossteil der Hifi-Lautsprecher aus Holzgehäusen und dynamischen Treibern. – Zu Recht, denn neue Technologie scheint im Lautsprecherbau nicht zu dominieren, wenn es um den Klang geht.

Die klassisch/konservativ konstruierten Lautsprecher von heute erfreuen sich einer ungebrochenen Beliebtheit. Sogar Horn-Lautsprecher, ein Relikt aus den 1960er Jahren gewinnen wieder viele Freunde. Im Gegensatz gibt es aber auch neue Werkstoffe und damit konstruierte Lautsprecher. Die Entwicklung geht heute in verschiedene Richtungen. Ich stelle fest, dass es kein eindeutiges Rezept für hervorragende Lautsprecher gibt, oder wenigstens nur ein Rezept, welches technologie-unabhängig definiert werden muss: Prominente Lautsprecher-Entwickler sind sich zuweilen einig: Entscheidend ist das ganzheitliche Konzept und nicht die Zutaten.

Die Gehäuse
Bei den Gehäusen gibt es die Anhänger der inerten, also praktisch resonanzfreien Gehäuse und die Anhänger von Gehäusen, die durchaus mitschwingen und so als kontrollierte Resonanzkörper arbeiten bzw. solche, die ein gewisses Mitschwingen als unbedenklich tolerieren. Beide Konzepte bestehen zu Recht, denn am Ende entscheidet das Musikerlebnis. Der Zweck heiligt die Mittel. Inerte Gehäuse verursachen einen erheblichen Konstruktions-Mehraufwand und erfordern den Einsatz teurer und exotischer Materialien. Schwingungstolerante Gehäuse sind meistens aus Holz gebaut. Zudem kann man in Formgehäuse und Kastengehäuse unterscheiden. Offene Schallwände und Rahmengehäuse wie bei Elektrostaten/Magnetostaten sind eine weitere Bauform. Alles scheint mal zu funktionieren, mal zu versagen.

Lautsprecher Treiber
Erstaunlich ist die beherrschende Stellung der dynamischen Treiber bei welchen eine induktive Schwingspule im Magnetspalt eine Membrane oder Kalotte bewegt um die Schallwellen zu erzeugen. Grundsätzliches hat sich daran in 80 Jahren nicht geändert. Besonderes Augenmerk gilt dem Mebranmaterial: Papier (Pappe), Kunststoffe, Zellstoffe, Metalle, Kevlar, Karbon und dünne Keramik sowie beliebige Kombiantionen kommen heute bei Bass- und Mittelton-Treibern zum Einsatz. Gerade Papier erlebt nach meiner Beobachtung eine Renaissance. Die Ausgewogenheit der 3 Membran-Kriterien Steifigkeit, Gewicht und Verzerrungsverhalten bringt die Entwickler immer wieder auf das Papier zurück. Besonders am Papier ist die Gutmütigkeit und die breite spektrale Verteilung der Verzerrungen, ideal für den breitbandigen Einsatz. Bei den Hochton-Treibern überwiegt heute die Kalotte in weicher oder harter Form. Ob versteifte Seide oder aber Beryllium und sogar diamantartige Werkstoffe, alles scheint sich zu eignen. Warum die Kalotte überwiegend verwendet wird ist nicht ganz klar. Die Mebranfläche und die daraus resultierende Dynamik und Breitbandigkeit ist begrenzt. Der Österreichische Hersteller WLM setzt als einer der ganz wenigen Konus-Treiber mit Papiermembran ein und erzielt damit eine höhere Dynamik bei sehr guter Auflösung und niedrigen Verzerrungen. Die paarweise Extrem-Selektion der Treiber ist allerdings Pflicht. Auch sehr verbreitet sind die Bändchen-Hochtöner.

Keine festen Regeln
Anders als bei vielen technischen Produkten gibt es keine eindeutige Technologie für den Gutklang der Lautsprecher. Alles kann gelingen, oft gelingt es aber nicht und dann spielt die Technologie auch keine Rolle. Die Hörgewohnheiten des Musikhörers mögen vielleicht eine Präferenz für die eine oder andere Technologie schaffen. Bei Blindtests schmilzt sie dann aber gerne dahin. Präferenzen gibt es auch bei den Herstellern: QUAD und später Martin Logan sind dem Elektrostaten verpflichtet, MAGNEPAN dem Magentostaten und KLIPSCH dem Exponential-Horn. Britische Hersteller setzen vorwiegend auf das dynamische Prinzip, dem schönen Mittelton der BBC-Monitore huldigend. Andere Hersteller setzen auf Exotik und mitunter irrwitzigen Konstruktionsaufwand (Bsp. Magico).

Innovation nur für das Auge?
Lautsprecher-Technologie und Innovation soll dem Klang dienen und nicht in erster Linie der Optik. Letzteres ist sehr oft der Fall. Technologie wird gut sichtbar gemacht und kommuniziert, sprich pseudo-wissenschaftlich vermarktet. Beispiele:

  • Gehäusekonstruktionen (Innenaufbau) werden mit 3D-Renderings abgebildet.
  • Exotische Materialien werden sichtbar gemacht.
  • ‚Bahnbrechende‘ Innovationen werden mit Wortmarken geschützt und mit blumigen Werbetexten in den Vordergrund gerückt.
  • Seit den frühen BOSE-Lautsprechern kennen wir die absurd theoretische Darstellung der Abstrahlung im Raum (mit Pfeilen dargestellt) zur Genüge und bis zum Abwinken.
  • Bei Frequenzweichen werden die besonders hochwertigen Komponenten (und ihre Hersteller) hervorgehoben.

Abgesehen von Konstruktions-Darstellungen sind die meisten Erklärungen entweder pseudo-wissenschaftlicher Art oder unglaubhafte Superlativen. Man zielt auf den unbedarften Käufer ab und versucht ihn mit Technologie-Blabla zu beeindrucken. Ich muss mir das berufsbedingt oft anhören und dazu artig bleiben. Auch die besser informierten und technisch beschlagenen Musikhörer lassen sich manchmal beeindrucken.

Ein bekannter amerikanischer Fachjournalist prägte kürzlich den Satz: „Leave physics to the physicists“. – Fakten statt dieser schleichende Mix von Ursache, Korrelation und Zufall. Am Ende ist es unser Ohr und Gehirn, die das wahrnehmen, was ein Lautsprecher wirklich grossartig macht.





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