Tonträger in 20 Jahren?


Posted on Dezember 23rd, by Christian Wenger in Analog, Digital, Musikhören. 2 comments

Tonträger in 20 Jahren?

CD-Verkäufe im freien Fall !! Vinyl boomt !! Hi-Res Audio !! Downloads und Streaming was das Zeug hält: Ein Versuch die Zukunft der „Tonträger“ oder sogar der reproduzierten Musik zu erklären…

Das ist nun wirklich nicht eben einfach…aber spannend. Die digitale Speicherung und Wiedergabe von Musik hat gerade in den vergangenen 15 Jahren enorme Fortschritte gemacht. In jeder Hinsicht: Klangqualität, Anwendbarkeit, Preis und Repertoire, es scheint keine Grenzen zu geben. Die Musik hat die Leitplanken des Tonträgers durchbrochen. Gleichzeitig werden wieder neue Presswerke für Vinyl-Schallplatten installiert. Gerade die Renaissance der Schallplatte erhellt die Einsicht, worauf es beim Musikhören in Zukunft ankommen wird.

Zum Anfassen oder nur noch in der Cloud?
Beides, lautet meine Prognose. Man wird Musik so nehmen (und kaufen) wie es am meisten Spass macht. Man wird sich für den praktischen, mobilitätsfreundlichen Weg entscheiden, oder für den lustvollen Haptischen. Wir sind nicht einförmige Konsumenten, sondern Individualisten, mal unterwegs, mal an einem gemütlichen vertrauten Ort. Wenn es in 20 Jahren noch Bücher gibt und daran zweifelt niemand, dann wird es auch Tonträger geben.

Wohin mit der CD?
Die CD-Verkäufe haben in den vergangenen Jahren stark abgenommen. Jedoch ist die CD noch immer der mit Abstand am meisten verkaufte Tonträger. Selbst wenn sich darauf nur Daten finden, hat die CD fast so viel haptischen Reiz, wie die Schallplatte. Die CD spricht traditionelle und eher konservative Gemüter an. Musikstilrichtungen wie die Volksmusik oder die Klassik findet man immer noch überwiegend auf CD. Ich glaube zwar nicht, dass die CD in 20 Jahren noch neu aufgelegt wird, aber ein Nachfolger des Geniestreichs von Sony und Philips aus den 1980er Jahren könnte es bis dann wieder geben. Vielleicht ist es dann eine kostengünstige SD-Karte in einer schmucken, langlebigen Verpackung. – Wohl eher als eine rotierende Scheibe mit allen bekannten Nachteilen. Jedenfalls kann man sie besitzen, horten, einordnen, sammeln usw. Die CD-Nachfolgerin würde, wie sie auch immer aussieht, zum Anfassen sein.

Werden Streaming-Dienste jemals Profit bringen?
Den Streaming-Diensten wird die grosse Zukunft prognostiziert, vor allem von zweckoptimistischen Investoren, dank denen sie heute überhaupt existieren können. Die Musik ist von überall her zugänglich, die Repertoires sind riesig und die technischen Möglichkeiten ebenfalls. So wird man bald auch Hi-Res direkt streamen können. Zudem ist das billig und wie fast alles Neue irgendwie durch Werbung finanziert, von der wir schon genug haben. Geld verdient heute noch niemand damit. Im Gegenteil. Dazu kommen in den nächsten Jahren verschärfte Urheberrechtsbestimmungen auf sie zu. Zu Gunsten der Urheber, versteht sich und die Interpreten werden vermutlich auch mehr Rechte erhalten. Das verteuert das Kostengerüst der Anbieter und verdunkelt den Himmel der Euphorie. Es muss ja dringend so einiges geschehen, um Musiker und Urheber am Leben zu lassen. Es geschieht auch viel. Ich erwarte, dass es für den Musikkonsumenten mit der Zeit dann doch teurer wird und somit im Vergleich zu anderen Tonträgern weniger attraktiv. Eine grosse Chance haben sie, wenn sie direkt mit den Musikern zusammenarbeiten.

Wohin mit den Labels?
Im Moment haben es die Major Labels und auch die kleineren Labels noch gut, aber sie könnten schnell überflüssig werden. Immer mehr Musiker und Urheber produzieren ihre Musik in eigener Regie. Ca. 50% von Ihnen suchen den einst herbeigesehnten Plattenvertrag nicht mehr in ihren Träumen. Bei Lichte betrachtet braucht es die Labels nicht mehr. Die Selbstvermarktung der Künstler wird immer einfacher und beliebter. Die Streaming-Anbieter werden den Labels schnell den Rücken kehren, wie die Musiker, wenn sie nicht mehr im gleichen Mass auf sie angewiesen sind wie heute. Weil Tradition und Moderne aufeinander prallen, sitzen plötzlich zu viele am Tisch. Labels habe künftig nicht mehr viel zu bieten. Selbst die Distribution von echten Tonträgern kann man effizient ohne sie organisieren. Im Moment profitieren sie nur noch von Rechten und Verträgen. Ich glaube, dass es in 20 Jahren keine „Platten“-Labels geben wird.

Wird der Vinyl-Boom anhalten?
Der Vinyl-Boom wird nur dann Bestand haben, wenn sich die Schallplatte bei den ganz jungen Konsumenten durchsetzen kann und das ist heute noch nicht der Fall, auch wenn der Anschein erweckt wird. Die meisten Vinyl-Kunden sind Leute über 40. Dann kommt lange niemand. Die Labels haben am Vinyl zwar gefallen gefunden, wie viele Musiker auch, doch dahinter verbirgt sich noch zu viel Opportunismus. Man kann im Moment daran verdienen und Finanzlöcher stopfen, doch langfristig muss die Nachfrage stetig sein. Ich glaube, dass in 20 Jahren immer noch Schallplatten gehört werden. Es kann aber gut sein, dass die Lust daran stagniert. Folglich würden die schwarzen und langlebigen Scheiben nur, wie heute, eine Nebenrolle spielen.

Wird es noch „Radio“ geben?
Radio ist Information und Musik mit einer hohen gewohnheitsbedingten Identifikation. Radiohörer sind in allen Altersklassen zu finden. Sie lieben Lokalsender oder Kultur oder Volkstümliches. Man fühlt sich doch bei „seinem“ Sender zu Hause. Ich glaube nicht, dass sich daran viel ändern wird. Es wird nebensächlich sein, ob man Radio terrestrisch empfängt oder vom Internet streamt. Radio wird auch in 20 jahren populär sein.

Zusammenfassung:
Ich verzichte lieber auf eine Zusammenfassung, denn so einfach ist es nicht, dass man es noch einfacher machen könnte.





2 Gedanken zu “Tonträger in 20 Jahren?

  1. Ich wage auch mal eine Prognose:

    Sammlerstücke Vinyl:
    In der Haptik, bei die Gestaltung in der vollen Größe, beim Besitzen und beim Sammeln ist die Schallplatte unschlagbar. Daher wird Vinyl lange überleben, auch wenn es zur Zeit auch angetrieben wird von vielen Sammlungen, die günstig auf den Markt drängen. Ja, Vinylsammler sind nicht die Jüngsten. Das liegt vielleicht daran, dass sie Schallplatten in ihrer Jugend kennengelernt haben, kann aber auch daran liegen, dass sie mehr ortsfest sind als jüngere Menschen und sie darum der Ballast einer großen Plattensammlung nicht stört.

    Die CD, das alternde Plastik:
    Auch sie kann gehandelt werden und bietet wenigstens etwas Haptik, Gestaltung und gedruckten Inhalt. Langfristig reicht das aber glaube ich nicht aus. Dazu kommt, dass CDs nicht langfristig haltbar sind, nach 30 bis 40 Jahren ist Schluss, wenn nicht früher. Dass neue CDs oft noch günstiger sind als digitale Downloads im gleichen Format ist eine reine Marktkorrektur und lässt sich auf lange Sicht nicht aufrecht erhalten.

    Downloads oder was für Spezialisten:
    Was man hat, das hat man. Bei Streamingangeboten ist kein Verlass, dass genau diese Version des Songs langfristig verfügbar ist. Ansonsten sind Downloads höchstens interessant für Menschen, die nicht immer Netz haben oder die etwas mehr mit den Songs machen wollen, zum Beispiel High Res nutzen oder die Musik in einer DJ-Software abspielen. Wie die Musik in Downloadportalen präsentiert wird ist bescheiden. Es gibt selten digitale Booklets und oft sind die Informationen zur Musik und den Interpreten spärlich, falls sie überhaupt richtig sind. Ob sich das in absehbarer Zukunft ändern wird ist fraglich: ich sehe digitale Downloads in Zukunft eher als Nischenprodukt an.

    Streaming bald besser verfügbar:
    Nun ist ja nicht überall ausreichend Netz verfügbar um fleißig zu streamen, aber das wird sich ändern. Da Mainstream-Pop keine hohe Halbwertzeit hat spielen High Res, Qualität der Produktion und dauerhafte Verfügbarkeit keine so große Rolle für den durchschnittlichen Hörer. Autoplaylists bzw. „Radio“-Funktionen kommen noch nicht an Radio heran, die Entwicklung ist aber noch längst nicht abgeschlossen. Insofern wird Streaming nicht nur das geziehlte Hören bestimmter Lieder und Alben ablösen, sondern auch das Mainstreamradio angreifen.

    Radio-Unterhaltung:
    Das Radio muss schon was bieten um mitzuhalten. Wer hört sich schon noch vorwiegend musiklastige Radiosendungen an, wenn er im Streaming sein persönlich zugeschnittenes Programm bekommt? Die Zukunft sehe ich bei einer Zusammenführung beider Formate: Wortbeiträge haben theoretisch im Streaming genauso Platz wie Musik, Hörbücher gibt es dort schon. Spätestens mit ausgebauten Autoplaylists, die auch Wortbeiträge nach den Vorgaben der Hörer zusammenstellen können, hat das Radio im herkömmlichen Sinn ausgediehnt – zumindest im Mainstream.

    Musikvideos
    Ach ja, die gibt’s ja auch noch. Und sie spielen auch noch eine Rolle. Ich hab keine statistischen Daten, aber ich denke dass gute Musikvideos, insbesondere Liveauftritte vor allem im Videostreaming einen Platz haben. Wichtig dabei ist allerdings, dass es sich für die Produzenten noch lohnt.

    Plattenlabels, Vermarkter, Produzenten
    Für qualitativ hochwertige Musik wird es weiter Studios geben. Die hochwertige Audiotechnik und entsprechend ausgestattete Räume werden nicht abgelöst. Bei rein elektronischer Musik ist das vielleicht weniger wichtig, aber bei allem, was von anderen Instrumenten aufgenommen wird reicht die Konsumtechnik nur selten für professionelle Produktionen. Eine noch größere Rolle werden die Vermarkter in Zukunft spielen. Im Web, in den Suchmaschinen, in Vernastaltungskalendern, Streamingplattformen usw. richtig untergebracht und gefunden zu werden wir immer aufwändiger. Bestehen bleibt auch der Aufwand für Livekonzerte und Touren, die selbst bei kleinere Projekten nicht vn den Musikern alleine organisiert werden können.

    Ausblick:
    Die Präsentation von Musik ist besonders beim Audiostreaming dürftig, und eine Haptik gibt es eigentlich garnicht. So schnell wird sich da auch noch nichts ändern, auch wenn es gut gemeinte Ansätze gibt. Die Wachstumsraten sind hoch, aber Musikproduzenten verdienen nicht viel. Es lohnt nicht dort mit Gestaltung und Zusatzinformationen zu investieren. Als digitales Gegenstück zur Schallplatte kann ich mir schon ein Format vorstellen, das als dekorativer Gegenstand mit der Musikausgabe kommuniziert und sammelbar ist, aber ob so eine Idee gegen Vinyl bestand haben kann, also ein Format, von dem keiner weiß ob es in 50 Jahren auch noch einen Wert hat, ist fraglich.

  2. Hi, ich als Ex DJ und immernoch Musikproduzent bin mir sicher das Vinyls immer ihren Wert behalten. Menschen lieben die Nostalgie und das Vergangene. Schätze mal die nächsten 20 Jahre ändert sich da nix!

    beste grüße
    Christian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.