Testberichte..oder die Angst vor der eigenen Entscheidung


Posted on Juli 10th, by Christian Wenger in Analog, Digital, Lautsprecher & Verstärker. 2 comments

Testberichte..oder die Angst vor der eigenen Entscheidung

Nichts könnte Testberichte an Bedeutung übertreffen und nichts ist umstrittener. Ich gehe der Frage nach, wozu Testberichte gut sind.

Testberichte in Audio-Zeitschriften und Online-Portalen sind, seit es HiFi gibt, etwas vom Wichtigsten für die Entscheidungsfindung oder auch nur die Unterhaltung belesener Musikhörer. Ich habe damit viel Erfahrung, weil ich Testberichte schreibe, HiFi-Händler bin und unzählige davon über viele Jahre gelesen habe. Sie sind aus meiner Sicht immer mit Vorsicht zu geniessen, aus den folgenden Gründen:

Vermeintliche Selektion
Viele Musikhörer und mögliche Kunden sind der Meinung, dass nur getestete Geräte beachtenswert sind. Die gewünschte Vorselektion findet aber nicht statt. Redakteure übersehen gerade an Messen recht viel. Die Medien bevorzugen ihre Werbekunden zu einem gewissen Grad. Viele Hersteller führen ein mediales Schattendasein. Die Selektion durch die Fachmedien ist eher zufällig. Ferner sind regionale Verfügbarkeiten ein Hemmnis. Ist ein Produkt in der Schweiz nicht vertreten, wird es hier auch nicht getestet. Unfair? Nicht unbedingt: Der Interessent fände anschliessend hierzulande keine Anlaufstelle.

Die Crux der Neuheiten
Die mediale Fokussierung auf Produktneuheiten ist bei vielen Audiokomponenten sinnfrei, weil sie lange Lebenszyklen aufweisen. Passive Lautsprecher können qualitativ locker über 10 Jahre den Ton angeben, wenn sie wirklich gut sind. Es ist sogar überzeugend, wenn ein Hersteller nicht dauernd erneuert, überarbeitet und re-designed. Das Gute hat Bestand, man hat vieles von Anfang an richtig gemacht. Das gilt für viele Komponenten, bei denen die Innovation ähnlich fraglich ist, wie bei den Musikinstrumenten.

Unklare Testbedingungen
Viele Fachmedien verfügen über keine eigene Räumlichkeiten mehr. Die Redakteure testen bei sich zu Hause und setzen Ihre eigenen Anlagen ein. Es gibt keine Standards z.B. betreffen der Raumakustik. Wer ein und denselben Verstärker mit unterschiedlichen Lautsprechern hört, weiss wie gross die Unterschiede sind, selbst wenn die Kombination technisch problemlos ist. Die Hersteller geben punkto Kombinationen aber Empfehlungen ab und bieten auch Hand dazu. Man sollte das öfter berücksichtigen.

70% ist subjektiv
Da der Klang im Fokus steht, hängt jedes Verdikt oder auch nur jede Beschreibung von subjektiven Präferenzen des Testhörers ab. Mehrere Personen werden selten einbezogen, weil sich das die Fachmedien gar nicht mehr leisten können. Das war früher anders aber nicht besser, weil sich mehrere Testhörer gegenseitig beeinflussen und auf eine Mehrheitsmeinung einschwenken. Am schlimmsten ist es dann, wenn der Chef das letzte Wort hat (!). Dazu kommt, dass man bei einem guten Werbekunden mehr Mühe hat, etwas Negatives zu schreiben als bei einem wirtschaftlich irrelevanten Beisteller.

Testspiegel sind ein Witz!
Testspiegel sind wahrlich ein Witz. Bei so grosser Subjektivität dann noch eine Zahlenbewertung vorzunehmen erscheint sinnlos, ausser wenn das Fachmedium früher getestete Geräte besitzt und zum Vergleich zuziehen kann. Das können sich die meisten Fachmedien (kaufen) aber auch die meisten Hersteller (überlassen) nicht mehr leisten. Punktsysteme und Klassenbildung gehören endgültig abgeschafft.

Warum Testberichte?
Der Hauptgrund für die hohe Aufmerksamkeit der Käufer steht im Titel des Beitrags: Sie haben Angst vor der eigenen Entscheidung. Man sucht nach einer Bestätigung. Man möchte etwas beweisen, sich selbst ober dem Partner. Man will sich etwas sicherer fühlen, weil man selbst unsicher ist. Entscheidungen, die auf Hören beruhen sind nicht einfach aber spannend. Nonkonformisten haben weniger Mühe damit, weil ihnen ihre Lust zur Abgrenzung Mut gibt. Das sind dann die Leute, die immer etwas besitzen, das man weder kennt noch findet. Das beste Rezept ist, sich Zeit nehmen und nichts übereilen. Gut Ding will Weile haben. Dazu sollte man sich nicht von Markenbotschaften verleiten lassen, aber man soll auch bekannten Marken eine Chance einräumen.

Am besten liest man aber Testberichte um dabei Spass zu haben.

 





2 Gedanken zu “Testberichte..oder die Angst vor der eigenen Entscheidung

  1. Darüber könnte man ein ganzes Buch schreiben. Über 40 Jahre lese ich diese Hefte, mal mehr heute eher weniger. Weil das Internet gibt einiges Online her.
    M.M.n. sind die Testzeitschriften an ihrer Lage nicht unschuldig. HiFi von High End ganz zu schweigen, ist in Regionen geklettert, die wenig überschaubar sind.Umso teurer das Gerät um so umfangreicher von der Seitenzahl der jeweilige Test.
    Selbst die Nobel Blätter die um die zwölf, fünfzehn Euro kosten, bieten heute keinen Mehrwert.
    Besseres Papier, schönere Bilder, mehr Text mit wenig Inhalt.
    Endloses Geschwafel über die Vergangenheit der jeweiligen Fa. evtl noch etwas technisches Gedöns, was man teils gar nicht wissen will. Am Ende ein paar Sätze zum wichtigen Klang der natürlich immer super ist. Fertig, das war’s.
    Keine Vergleichstests seit Jahren mehr, außer evtl bei Speakern.immer mehr, mehr an Auflösung, was ich gar nicht will. Tests in bedämpften Hörräumen, die der Hörer zu Haus gar nicht hat. fairaudio als OnlinePublikation geht wenigstens noch vergleichsweise und ausführlich an die Sache heran, während man in den Heften zur Hälfte die Werbung mit kauft.
    Ein zerschnittenes Heft ohne Werbung kann sich um zwei Drittel vom Umfang reduzieren.
    Dann sieht man genau, was einem für 7,- Euro Kaufpreis geboten wird.

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