einfach = billig?


Posted on Juli 19th, by Christian Wenger in Analog, Digital, Lautsprecher & Verstärker. 3 comments

einfach = billig?

Meine Kunden wünschen sich vermehrt einfache Hifi-Systeme. – Einfach in der Bedienung, einfach aufgebaut mit wenigen Komponenten. Dass auch High End Hifi einfach und übersichtlich sein kann ist nicht selbstverständlich. Die Branche wehrt(e) sich mit Händen und Füssen.

High-End Hifi wurde ab den 1970er Jahren immer komplizierter. Wer keine Vor/Endstufen-Kombination besass, wurde schief angeschaut, auch wenn er mit seinem Vollverstärker völlig zufrieden war. Zudem benötigte man in diesen „Goldenen Zeiten“ Plattenspieler, Tape, Tuner und vielleicht noch eine Bandmaschine. Die Systeme waren umfangreich, kompliziert und alles andere als einfach zu bedienen.

Mit der Jahrtausendwende begann ein neues Zeitalter der digitalen Musikwiedergabe. Das führte zu weniger Geräten, integrierter Fernsteuerung des ganzen Systems und dazu noch deutlich mehr Möglichkeiten, z.B. Hifi im ganzen Haus zu nutzen. Wohlgemerkt, die Innovation kam nicht von den High-End-Herstellern, von denen man sie erwartet hätte, sondern von global aufgestellten Anbietern günstiger Massenware. Für den Konsumenten gab es mit wenigen Ausnahmen nur billige Lösungen, die genügend praktisch waren.

„Die Innovation kam nicht von den High-End-Herstellern, von denen man sie erwartet hätte“

Wer High-End kaufen wollte und dennoch eine praktische Lösung anstrebte, fand nichts Taugliches auf dem Markt und musste zudem die Belehrungen zahlreicher Fachleute über sich ergehen lassen. – Dabei wäre es so einfach gewesen, den Zeitgeist zu deuten und High-End Audio entsprechend neu zu interpretieren. Viele Anbieter haben das bis heute nicht begriffen.

„Wer High-End UND eine praktische Lösung suchte, fand nichts Taugliches auf dem Markt“

Die Anbieter, welche die Vorstellungen der Konsumenten ernst nahmen, hatten wenig Gespür für qualitativ hochwertige, sprich authentische Musikwiedergabe. Sie hatten einen Sinn fürs Geschäft und für das Marketing. Sie veränderten die Wahrnehmung der Käufer nachhaltig in Richtung der Musik zum schnellen Verzehr. Im höheren Preissegment setzte sich Bose in Szene und im sog. Premium-Segment Bang&Olufsen. Beide Hersteller gewannen Marktanteile mit einfachen Lösungen, die zudem unauffällig waren oder sich durch Design und Prestige positionierten.

Als die High-End-Anbieter merkten, wohin das Geld floss, begannen sie erst einmal zu jammern. Sie beklagten sich über die iPod-Generation mit ihren Billig-Ohrhörern und gaben sich der nostalgischen Verklärung hin. Nicht einmal die berühmten Kopfhörer-Marken schafften es, den Trend zum hochwertigen Kopfhörer zu nutzen und den Markt unter sich aufzuteilen. Sie wurden binnen 3 Jahren vom völlig unbekannten Hersteller Beats überholt. Das mittlerweile Apple zugehörige Unternehmen hat einen Marktanteil von 51% und einen Umsatz von 1.1 Mia $ und das mit einem recht fragwürdigen Produkt. – Passend allerdings zu Apples wichtigster Zielgruppe (!).

„Als die High-End-Anbieter merkten, wohin das Geld floss, begannen sie erst einmal zu jammern“

Zum guten Glück ist der Markt der musikalischen Konsumenten und ihrer Bedürfnisse sehr heterogen und schwer prognostizierbar. Wer hätte die Renaissance der Schallplatte und der Röhrenverstärker vorausgesehen. Überdies suchen Menschen immer und immer wieder das Aussergewöhnliche, das Spezielle. Ferner braucht man im High-End Audio nicht den Markt zu beherrschen um einigermassen erfolgreich zu sein.

Die diesjährige High-End in München demonstrierte den Paradigmenwechsel. Vollständig integrierte Lautsprechersysteme (Bsp. Grimm LS1) spielen auf Referenzniveau und benötigen nur noch eine digitale Quelle. Devialet baut sehr gute Server/Verstärker für alle denkbaren Passiv-Lautsprecher. Am Eingang befindet sich das Ethernetkabel zu NAS und Internet, am Ausgang schliesst man die Speaker an. Wer glaubt, das klinge nicht hervorragend, ist nicht ganz bei Sinnen. Netzwerkplayer gibt es zuhauf und sie überbieten sich in ihrer Performance und Flexibilität.

Einfach kann plötzlich teuer sein und auch wirklich gut klingen“.

Es erstaunt zwar (oder auch nicht?) dass immer noch neue CD-Spieler gebaut werden. Immerhin werden CDs noch in so grossen Mengen verkauft, dass ihr Ende nicht in Sicht ist. CDs sind auf anachronistische Weise ebenfalls einfach. Es gibt kaum jemanden, der sie nicht problemlos abspielen könnte und man braucht kein funktionierendes Netzwerk dazu. Hi-Res-Audio ist zwar in aller Munde und auf vielen Servern, so lange aber die Aufnahmequalität viel deutlicher zum Klangerlebnis beiträgt als das digitale Format, so lange wird sich auch die CD noch drehen oder mindestens so lange, wie es Laufwerke gibt.

„CDs sind auf anachronistische Weise ebenfalls einfach“

Die High-End-Industrie hat ein Jahrzehnt im Rausch der audiophilen Selbstgefälligkeit verschlafen. Nun wird man umtriebiger und richtet sich wieder vermehrt nach den Bedürfnissen der Musik-Konsumenten mit hohem Anspruch, ohne Verzicht auf Klangideale. Es ist nicht zu spät dafür, aber man sollte diesen Fehler nicht noch einmal machen.





3 Gedanken zu “einfach = billig?

  1. Vollkommen richtig. Ich kenne sehr viele gut betuchte Menschen, die für ihre Audioanlage eine Menge Geld ausgegeben haben. Das System muss für diese Menschen einfach zu bedienen sein. Das Gerät muss installiert werden und mit wenig Knopfdrücken muss musik kommen oder der Fernseher mit der Anlage zusammen harmonieren.

  2. Die richtig gut betuchten wollen Geld für Qualität ausgeben, wo se sicher sein können, dass sie Qualität kaufen. Wer sich gut einliest kann auch für weniger Geld glecihe Qualität finden.

  3. Man sollte auch einmal über die highendigen Preise schwadronieren, die sich mittlerweile in einer immer mehr auseinander driftenden Gesellschaft in Höhen auf geschaukelt haben.
    Musik ist ein Kulturgut, im Gegensatz etwa zum rauchen.
    Musikalisch preiswertes High End für jedermann gab es noch nie, aber ebenfalls war High End noch nie – so teuer, dass sich einige doch überlegen, ob sie sich das für die Zukunft noch leisten können.
    Bestenfalls kann man sagen, dass sich die Preisschraube von vor über zehn Jahren umgestellt hat von der DEM Schiene hin zum EUro 1:1 und man heute ab der 1.000 Euro Grenze Gerätschaften kaufen kann, die es vor über zehn Jahren so in ihrer Qualität nicht gab.

    Im übrigen gehöre ich zur konservativen Klientel ( wie ich hier jüngst lesen konnte) die das bauen von CD Playern auch weiter nach wie vor befürworte.
    Wenn man beruflich den ganzen Tag mit Rechnern zu tun hat, will man nicht auch noch zu Hause sich mit Computer beschäftigen und seine Auswahl zum Musik hören damit treffen.
    Musik am Computer sei sie noch so gut, ist weder etwas für meine Augen noch für mein Gemüt.

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