Warum eigentlich DAB-Digitalradio?


Posted on April 26th, by Christian Wenger in Digital, Radio. 13 comments

Warum eigentlich DAB-Digitalradio?

Die Einführung von Digitalradio (DAB+) wird in der Schweiz zwar zügig vorangetrieben, geht aber nur schleppend voran. Die Sendeanstalten propagieren eine bessere Klangqualität als mit UKW, was sich in der Praxis aber nicht bewahrheitet. Daneben hat sich das freie Internetradio weit schneller entwickelt und bietet auf der Überholspur dem Musikhörer schon heute gewichtige Vorteile gegenüber DAB-Digitalradio. Deshalb muss man sich die Frage stellen, ob DAB-Digitalradio überhaupt eine Zukunft hat und ob es sich für den Konsumenten lohnt, DAB-Radios und Empfangsgeräte anzuschaffen.

DAB heisst Digital Audio Broadcasting und bedeutet so viel wie das Senden und Empfangen von digitalisierten Radioprogrammen über terrestrische Sende- und Empfangsanlagen. – Im Volksmund heisst es Digitalradio. Eingeführt wurde DAB in Europa und auch in der Schweiz vor einigen Jahren und es soll binnen eines begrenzten Zeitraums das verbreitete UKW-Radio ablösen. Um Digitalradio empfangen zu können, bedarf es neuer Empfangsgeräte, sog. DAB-Empfänger oder DAB-Radios.

DAB+ ist eine fortgeschrittene DAB-Technologie. DAB+ Radio kann mit den „alten“ DAB-Geräten nicht mehr empfangen werden. Die Umstellung erfolgte in der Schweiz am 15. Oktober 2012 und die älteren DAB-Radios verstummten mit diesem Datum.

DAB hat gegenüber von UKW für den Konsumenten aber auch für die Sendeanstalten Vorteile:

  1. Bessere Nutzung von Trägerfrequenzen: Man kann mehrere Sender auf ein und derselben Trägerfrequenz ausstrahlen. Das führt zu einem grösseren Programmangebot bei gleicher Anzahl Trägerfrequenzen.
  2. Störungsfreier Empfang
  3. Deutlich mehr Programme.

Uneinig ist man sich bei der Tonqualität: Wenn man den störungsfreien Empfang als gegeben betrachtet, zum Beispiel beim UKW-Kabelradio zuhause, dann fällt auf, dass die Tonqualität von DAB keineswegs besser ist, als die von UKW. Das fällt v.a. bei hochwertigen Musikprogrammen (Bsp. Live-Übertragungen von Konzerten klassischer Musik) deutlich ins Gewicht. Aus diesem Grund kritisieren Musikhörer in ganz Europa die geplante Abschaffung von UKW.

Die Tonqualität von DAB-Sendungen hängt von 2 Faktoren ab:

  1. Der Codec
  2. Die Datenrate

Zum Beispiel wurde bei den DAB-Programmen von SF DRS noch der MPEG2-Codec verwendet bei einer Datenrate von 128kBit/Sekunde bis 192kBit/Sekunde, je nach Programm. Mit dem Wechsel zu DAB+ wurde mit AAC ein qualitativ besserer Codec eingeführt. Dafür wurde die Datenrate auf deutlich unter 100kBit/Sekunde abgesenkt. Wenn man das mit Autofahren vergleicht, dann wäre das wie Bremsen und Gas geben zugleich. Die Sendeanstalten sind aber gezwungen, die Datenraten zu „optimieren“, d.h. so klein als möglich zu halten um in einem beschränkten Frequenzband möglichst zahlreiche Programme anbieten zu können. Ob diese angestrebte Programmvielfalt den Konsumenten tatsächlich erfreut, darf in Frage gestellt werden: Die meisten Schweizerinnen und Schweizer hören vielleicht 2 bis 3 Sender regelmässig, was mit Gewohnheit aber auch Sympathie zu erklären ist.

Während DAB und DAB+ in der Schweiz mit grossem Kommunikationsaufwand zähflüssig eingeführt wird, hat sich parallel dazu das Internet-Radio praktisch über Nacht zur Blüte entwickelt. Beim Internet-Radio handelt es sich nicht um gesendete Radiowellen im klassischen Verständnis, sondern um Daten, die man von Servern aus der ganzen Welt über das Internet ohne Unterbruch (live streams) herunterlädt, auf einen Computer oder einen Internet-Empfänger (Internet-Radiogerät).

Vorteile von Internetradio vs. DAB:

  • Viel grösseres Programmangebot, eff. tausende von Sendern aus der ganzen Welt
  • Praktisch alle DAB+ und UKW-Programme sind auch mit Internetradio zu empfangen.
  • Vergleichbare Tonqualität mit DAB+ aber ein grösseres Potenzial.
  • Keine territorialen Zugangsbeschränkungen (Ausnahmen sind Länder wie Chinas und Nordkorea)

Nachteile von Internetradio vs. DAB:

  • Internetradio kann nur empfangen werden, wenn man Zugriff auf das Internet hat.

Es ist zu berücksichtigen, dass die Verbreitung des Internet-Zugriffs stark zunimmt. Man kann heute beinahe überall auf das Internet zugreifen, auch mobil und die Nutzungskosten sinken. Auch Datenraten und Geschwindigkeit sind im Steigen begriffen, so dass man schon heute von Highspeed-Internet spricht. Man braucht kein Prophet zu sein um zu prognostizieren, dass wir 2020 ein viel schnelleres Internet haben werden und Zugriff in jeder Lebenslage.

Dazu kommt, dass beim Internetradio schon heute tausende von Anbietern existieren, die Ihre Programme auf die Bedürfnisse der Radiohörer ausrichten. Das wird auch den ambitionierten Musikhörern zu Gute kommen. Schon heute gibt es Programme mit deutlich besserer Tonqualität dank höheren Datenraten (z.B. Linn Radio oder BBC Radio3 mit 320kBit/Sekunde, MPEG3). Sender wie BBC Radio 2 bieten ihr Programm sogar in 2 Qualitäten an. In 10 Jahren wird es wohl möglich sein die sog. CD-Qualität oder besser, also min. 1411kBit/Sekunde über Internet zu „empfangen“.

Warum überhaupt DAB?

Das ist die (späte) Schlüsselfrage. Macht es Sinn, wenn die SRG mit Konzessionsgeldern DAB+ einführt und die Konsumenten nötigt, DAB+ Empfänger zu kaufen, wo es doch klüger wäre Internetradio-Empfänger zu verbreiten? Zudem kann man Internetradio im Unterschied zu DAB+ Radio auch mit dem PC/Mac oder Tablets, iPhones oder Androids hören, braucht also kein zusätzliches Empfangsgerät.

Schaut man über die Grenze, erkennt man, dass DAB europaweit nur in England eine Verbreitung erzielt hat, die man als Erfolg bezeichnen kann. In den USA existiert DAB nicht. HD-Radio ist dort ähnlich aber nicht kompatibel.

Ablösung von UKW

UKW wurde anfangs der 1960er Jahre von BBC London erstmals eingeführt. Das Ziel war die signifikante Verbesserung der Tonqualität und der Stereo-Empfang. Zumindest damals stand die Tonqualität noch im Vordergrund. Noch Ende der 60er Jahre hörten viele Musikhörer in Europa über Mittelwelle. – Die Ablösung kam nicht so schnell, wie man heute glauben möchte.

Ob DAB hierzulande jemals UKW ablösen wird, ist zu bezweifeln. Zwar gibt es in der Schweiz mittlerweile gegen 1.2 Mio DAB Empfangsgeräte, davon wurden alleine 2012 250‘000 verkauft (dank intensiver Radio-Werbung nottabene). Im Auto, wo man wie sonst nirgendwo auf Radioempfang angewiesen ist, ist die Verbreitung heute im tiefen einstelligen Prozentbereich festzustellen. Bei Neuwagen sind DAB-Radios immer noch ein kostenpflichtiges Extra und zahlreiche Automarken bieten DAB noch gar nicht einmal an (vgl. Grafik). DAB AutoBei Occasionen ist das Nachrüsten mit DAB-Radios kaum zu realisieren, weil Autoradios heute nicht mehr wie früher einfach ausgetauscht werden können. Selbst im „DAB-Fortschrittsland England“ wird seit 2013 nur jeder dritte Neuwagen mit DAB-Radio ausgestatten.  Es ist in der Schweiz nicht zu erwarten, dass bis in 10 Jahren eine DAB-Verbreitung in Autos vorliegt, die ein Abschalten von UKW erlauben würde. Zudem dürfte sich der mobile Internetempfang bis dann grossflächig durchgesetzt haben, denn bei dieser Technologie geht es um weit mehr Konsumbedürfnisse als das Radiohören. – DAB ist eben doch nur Radio.

(Bild: drs.srf.ch)

(Datenraten beziehen sich auf Stereo-Wiedergabe)





13 Gedanken zu “Warum eigentlich DAB-Digitalradio?

  1. Endlich eine ausführliche Information über DAB und DAB plus. Danke. Was ich immer noch nicht weiss: Ich habe ein DAB+ Gerät mit Antenne. Wie gelangen die Sendungen durch die Luft in mein Gerät? Vermutlich nicht über UKW oder Mittelwelle. Wie dann? Oder doch über UKW? Dann verstummen ja alle, wenn man UKW abschaltet. Für Ihre Antwort zum Voraus besten Dank Hans Wegmüller

    • Die digitalen Datenströme werden mit UKW übertragen (aufmoduliert) und es können mehrere Sender pro Trägerfrequenz ausgestrahlt werden. – Terrestrische Ausstrahlung, Empfang mit Antenne. Es sind aber andere Frequenzen als UKW. Würde UKW abgeschaltet, dann nur die analogen UKW-Sender. Eine Abschaltung von UKW ist auch langfristig unwahrscheinlich.

  2. Endlich mal ein etwas kritischer Artikel. Ich kein DAB-Euphoriker. Ich sehe keine Vorteile darin, eine derart verbreitete Technik wie FM über UKW zangsweise und staatlich durch DAB(+) zu verdrängen. Abgesehen davon, dass Millionen UKW-Geräte (Radios, Tuner, Receiver, Stereoanlagen) so zu Elektroschrott werden.
    Als Paralleltechnik meinetwegen ok, um den Kleineren eine Chance zu geben.

    Was mich am meisten stört und nervt:
    Die zeitliche Verzögerung sogar unter verschiedenen DAB-Geräten. Bei UKW sind immer alle Geräte schön synchron.
    Bei uns laufen meist 2 Radios im Haushalt. Sogar wenn beide DAB empfangen, sind sie nicht synchron! Noch krasser ist’s zwischen UKW und DAB oder zwischen UKW/DAB und Kabelnetz.
    Was denkt ihr, bekommt man die Verzögerung jemals technisch in den Griff?

    Ausserdem ist die Skepsis berechtigterweise gross. Besonders jene Leute, die anfangs auf DAB gewechselt haben, sind verarscht worden und nun frustriert: Die DAB-Radios der ersten Generation waren wegen DAB+ schon nach kurzer Zeit Elektroschrott. Vermutlich wird es so weitergehen wie in der Computerindustrie, wo jeder neue Technologiefurz auch die Hardware obsolet werden lässt.

  3. Danke für die ausführlichen Informationen. Ich überläge mir schon seit längerem ein Digitalradio zuzulegen und dabei ist mir immer wieder die Frage aufgekommen was ist das DAB +. Danke für die tolle aufklärung.

  4. Ich habe zwei DAB+ Radios, die beide denselben Sender (meist Swiss Pop) abspielen. Was mich extrem stört, ist die Tatsache, dass die Signale nicht auf beiden Radios zur gleichen Zeit abgespielt werden, d.h. es entsteht ein „Echo-Effekt“ von teilweise mehreren Sekunden? Das würde beim analogen UKW nie passieren! Wodurch kommt im Digital-Zeitalter (wo alles besser sein sollte), ein solch störender Echo-Effekt zustande? Kann mir dies jemand erklären?

    Danke und Gruss
    Markus

    • An demselben Standort sollten die digitale Musikdaten eigentlich gleichzeitig ankommen. Die DAB-Geräte „puffern“ aber die Daten, bevor sie die Musik dann abspielen. Diese Zwischenspeicherung dauert bei jedem Gerät unterschiedlich lang. Deshalb ensteht eine Zeitverzögerung. UKW ist immer Real-Time. Das ist bei Musikstreaming oder Internetradio dasselbe. Leider.

  5. Guten Tag,
    ich wollte mein neues Auto, einen Hyundai i20 Jahrgang 2015 das DAB+ nachrüsten lassen. Die Aussage des Garagisten war, er würde einen Spezialisten noch kontaktieren.
    Man hat dann einen DAB+ Tuner mit einer kleinen Scheibenantenne eingebaut, den man mit einem USB Kabelstecker am bestehenden Autoradio verbinden konnte. Das Ergebnis war alles anders als gut. Die Qualität war sehr schlecht und meistens hatte ich überhaupt keinen Empfang. Sie probierten dann noch die neuste Software zu installieren , das brachte aber gar nichts. Schlussendlich haben sie mir das ganze wieder deinstalliert. So bleibe ich lieber bei FM. Ich musste zum Glück nichts bezahlen.
    Von mir aus gesehen ist diese Technik überhaupt noch nicht ausgereift.

  6. Habe leider auch schlechte Erfahrungen gemacht. Ich höre im Auto ausschließlich klassische, anspruchsvolle Musik und komme mir mit Dab + etwas verarscht vor. Ich habe den direkten Vergleich von Srf 2 auf UKW und auf DAB gemacht. Erstens ist der Stereo Effekt auf DAB praktisch unhörbar. Zweitens ist die Transparenz des Klangs verschwunden. Ich höre auf DAB nur noch einen breiigen Klang. Der Raumklang auf DAB entspricht nur noch denjenigen eines blechernen Transistorradios aus den 70igern. Ich verstehe nicht, warum wir staatlich gezwungen werden, Geräte mit einer derart unausgereiften Technologie anschaffen zu müssen. Meine Investition in das Auto- DAB Radio war definitiv für die Katz.

  7. Danke für diesen Informativen Artikel.
    Ich hatte mit DAB+ eine sehr enttäuschende Erfahrung gemacht. Ich höre in meiner Kellerwerkstatt viel Radio. Aus einer Laune heraus habe ich mir ein DAB+ Radio angeschafft, weil ich mir besseren Empfang etc versprach.
    Das Gerät brachte aber buchstäblich keinen Ton heraus. Ich dachte das Gerät sei defekt und brachte es zurück, da erklärte man mir dann das das neue tolle DAB im Keller halt nicht funktioniere! Krasser Fortschritt!

  8. @Peter S
    Ich habe ebenfalls eine Kellerwerkstatt, wo schlechter Radioempfang herrscht (obwohl mitten in einer Stadt…). Mit etwas Draht habe ich ganz einfach die Antenne verlängert und siehe da: Perfekter empfang!

    Grundsätzlich ziehe ich aber das Webradio vor. Die Klanqualität bei DAB+ lässt leider zu Wünschen übrig (egal wie hoch die Bit-Rate ist und ob ein MP3- oder ein AAC-Codec verwendet wird). Vergleicht man einen Radiosender mit DAB+ und seinem Webstream an einer HiFI-Anlage mit hochwertigen Komponenten, so höre ich markante Unterschiede im Frequenz-Spektrum. Bei DAB+ scheint das räumliche Klanspektrum eingeschränkt. Der Radiosender tönt eher dumpf und unangenehm.

  9. Im neuen Auto habe ich seit 2014 DAB+ und bin sehr zufrieden. Digitalradio ist viel robuster als FM, kommt über viel weitere Strecken und über die Pufferung werden Störungen zuverlässig herausgefiltert. Merklich bessere Tonqualität, kein Rauschen nichts.
    Zu hause habe ich dieser Tage eine Yamaha MusiCast in Betrieb genommen, mit integrierten Webradio. Webradio bietet noch bessere Klangqualität mit tausenden von Sendern.
    FM halte ich jetzt, 2017 definitiv als veraltet, schlechtere Tonqualität.

  10. Mit meinem PURE-DAB+ Radio nur schlechte Erfahrungen gemacht. Musik gut, Sprache schlecht, schwer verständlich.
    Meine TEAC-Stereo-Anlage bietet einen AUX-Anschluss wo ich entweder das iPhone oder das iPad über WLAN gespiesen, anschliesse. Mit der TuneIn-App kann ich x-Tausend Sender hören.

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