Arme Musiker dank Spotify?


Posted on September 9th, by Christian Wenger in Digital, Musikhören. 8 comments

Arme Musiker dank Spotify?

Musik-Streaming-Dienste, Spotify allen voran, gewinnen an Popularität, zum Nachteil vieler Musiker und Musikhörer. Warum?

Spotify hat Konjunktur. Trotz beschränkter Datenraten, ein NO-GO für ambitionierte Musikhörer, ist der Musik Streaming Dienst wie Opium für das Volk. Für CHF 13.-/Monat hat ein jeder unbeschränkt Zugriff auf die kompletten Musik-Kataloge der Major Labels und noch vieler anderer Labels. Dem nicht genug: Man kann Musik downloaden und off-line hören. – Wenigstens so lange man bei Spotify zahlender Kunde ist.

Hören kann man die Musik auf mobilen Geräten, Computern und auch auf einigen wenigen Hifi-Frontends, die mit Spotify unter Vertrag stehen.  Für CHF 13.-/Monat kann man sich im Vergleich gerade mal max. eine CD pro Monat kaufen, oder dasselbe Album von iTunes oder höherwertigen Anbietern erstehen. Das sind max. 12 Alben pro Jahr oder 120 Alben in 10 Jahren.

Was die Musiker mit Spotify verdienen
Wenn ein Spotify-Nutzer einen Song von einem Musiker hört (oder streamt), bekommt der Musiker dafür EUR 0.00164. Wenn des Musikers Album 13 Songs enthält, dann macht das EUR 0.02 für das ganze Album. Beim Verkauf seiner CD (auch als Download) verdient der Musiker im besten Fall EUR 3.00. Um EUR 3.00 mit Spotify zu verdienen muss es 145 Mal gestreamt werden oder ein einzelner Song von ihm 1885 Mal. Er verdient mit dem Album also 145 Mal weniger oder anders gesagt, es muss 145 Mal öfter gehört werden für denselben Ertrag. Das mag für die grossen Popmusiker in der Branche noch gehen, die weniger bekannten haben das Nachsehen und verdienen quasi nichts mehr, denn die Musikbranche ist sehr kurzlebig geworden und der Musiker, von dem die Musik eigentlich kommt, steht sozusagen am Ende der Nahrungskette. – Dort wird man in der Regel gefressen.

Mögliche Vorteile
Gibt es für den Musiker in diesem Konstrukt oder Businessmodell vielleicht auch Vorteile? Vielleicht wenn seine Musik sehr oft und über lange Zeiträume konstant mit Spotify gehört wird? Wohl kaum. Gäbe es Spotify nicht, dann würde der Musiker automatisch mehr Tonträger verkaufen, an denen er ja mehr verdient. – So wie früher.

Der eminente Unterschied ist der, dass ein Musiker bei Tonträgern an deren Verkauf verdient, bei Spotify an der Häufigkeit der Nutzung seiner Musik. Letztere ist im Verhältnis kleiner, weil man eine CD zwar kauft, aber in der Regel nur die individuell betrachtet besten Songs daraus regelmässig hört. Ein Vorteil für den Musiker bei Tonträgern und ein vermeintlicher Nachteil für die Musikhörer, die, gemessen an dem was sie hören, zu viel bezahlen. ‚Vermeintlich‘ deshalb, weil man oft mit der Zeit auf CDs Songs entdeckt, die man plötzlich auch sehr gut findet. Wenigstens so lange, als dass Musiker sich überhaupt noch die Mühe machen, ganze Alben einzuspielen. Die Qualität der Alben als Ganzes hat gerade bei der U-Musik in den letzten Jahren genau aus diesem Grund stark gelitten.

Ein Vorteil ergäbe sich für die Musiker dann, wenn Musik-Streaming Dienste zu einem noch viel höheren Mass an Musikkonsum führten. Das ist nicht ausgeschlossen. Der Tag hat zwar auch in Zukunft nur 24 Stunden, aber der mobile Konsum scheint noch viel Potenzial zu haben. Musiker verdienen wenigstens auch am Konsum und nicht nur am Genuss…

Allerdings hat der Musiker mehr Potenzial, wenn seine Musik so oft gestreamt wird, dass diese Nutzung (oder Miete) seines geistigen Eigentums den im Vergleich erzielbaren Umsatz mit Tonträgern so weit übetrifft, dass er dank dem Nutzungsprinzip unter dem Strich besser abschneidet. Ich vermute (mehr nicht), dass hier der Break-Even sehr hoch liegt, so dass die Stars ihn locker überschreiten und die weniger bekannten Musiker eben nicht. Man wird sehen.

Für wen geht die Rechnung auf?
Die Labels tragen die Produktionskosten und verdienen wohl mehr als die Musiker. Im Vergleich zu Tonträgern aber im gleichen Verhältnis weniger. Das steigert den Kostendruck für die Produktionen und verringert deren Qualität und Anzahl. In Folge nimmt das Angebot ab und was bleibt ist schlechter oder weniger sorgfältig produziert.

Für Spotify geht die Rechnung dann auf, wenn sehr viele Nutzer den Service abonnieren und sie dadurch zu einer unverzichtbaren Bezugsquelle werden. Dann können sie vermutlich die Konditionen bestimmen, zum Nachteil der Labels und vor allem der Musiker und vielleicht auch zum Nachteil der Nutzer. – Preiserhöhungen sind ja nicht ausgeschlossen. Es gibt aber auch andere Musik-Streaming Dienste und somit Konkurrenz.

Wer besitzt die Musik?
Wir besitzen die Musik nicht mehr. Wir leihen sie bloss aus, wie bei PayTV. Ein unangenehmer Gedanke aber vielleicht zeitgemäss. Wer Musik nur noch nebenbei verzehrt, dem ist es egal. Wer seine Meinung ändert, der kauft sich dann doch noch Tonträger und Downloads. – Wenn es noch welche zu kaufen gibt. Das befürchte ich aber nicht. Je grösser und einheitlicher die Märkte, um so mehr Nischen entstehen. Je einförmiger ein Trend, desto grösser der Hang zum Individualismus.

Die Zukunft von Musik-Streaming Diensten
Ich finde das Konzept interessant wenn auch kontrovers. Die Qualität müsste deutlich höher sein, aus heutiger Sicht die einer CD (1411kBit/Sekunde), bei schnellerem Internet vielleicht bald eine Tatsache. Auch Nischenanbieter und Independent-Labels könnten sich über spezielle Dienste anbieten. Radiosender können ihr Angebot mit solchen Diensten erweitern. Hört man auf einem Sender einen Song, kann man gleich alle Songs dieses Interpreten individuell anhören, in dem man vom Sender gleich auf den gekoppelten Streaming Dienst wechselt. – Sollte diese Idee einmal umgesetzt werden, dann möge man sich meiner erinnern.

Warum fürchten sich die Menschen vor neuen Ideen? Ich fürchte mich vor den Alten. – John Cage –

(Bildquelle: taz.de)





8 Gedanken zu “Arme Musiker dank Spotify?

  1. Wenn ein Spotify-Nutzer einen Song von einem Musiker hört (oder streamt), bekommt der Musiker dafür EUR 0.00164. Wenn des Musikers Album 13 Songs enthält, dann macht das EUR 0.02 für das ganze Album. Beim Verkauf seiner CD (auch als Download) verdient der Musiker im besten Fall EUR 3.00. Um EUR 3.00 mit Spotify zu verdienen muss es 145 Mal gestreamt werden oder ein einzelner Song von ihm 1885 Mal.

    Sehr interessante Fakten die ich so noch nicht betrachtet habe.
    Laut http://webmagazin.de/web/Spotify-vor-Pleite-Hohe-Lizenzgebuehren-sorgen-fuer-maechtig-rote-Zahlen-166006 fährt spotify Verluste ein.
    D.h. entweder müssen die monatlichen Kosten für spotify steigen oder die Provisionen der Labels sinken, sodass die Künstler mehr vom Kuchen bekommen

    • Völlig richtig. Zurzeit führen bei Spotify mehr Nutzer zu höheren Verlusten. Höhere Nutzungsgebühren hätten zur Folge, dass die Anzahl Nutzer zurückgeht. Dass die Labels zugunsten der Musiker auf Provisionen verzichten, scheint mir illusorisch. Vielleicht gibt es gar keine Lösung. Danke für den Link!

    • Ein wichtiger Grund Spotify zu nutzen darf nicht ausser Acht gelassen werden: die Musikkonzerne haben ihre riesigen Archive ins Netz gestellt. Mit dem Premium Abo höre ich an einer guten Musikanlage, z.b mit dem onkyo T 4070, in durchaus ansprechender Qualität. Cd’s die ich früher nicht finden konnte sind nun als 320 kbit Stream greifbar. Bei diesen Aufnahmen aus den 50er und 60er Jahren leben die Musiker oft nicht mehr und somit ist es nicht relevant wie viel das abspielen einbringt. In Zukunft wird wohl mit noch höheren bitraten zu rechnen sein. In Deutschland sind bereits Anbieter mit 700 kbit streams in der Testphase

  2. Wir produzieren als mobile DJ“s selbst. Wir wissen aber, daß sich die Zeiten geändert haben, als man von den Plattenverkäufen leben konnte, ausser man heisst David Guetta.
    Wir sind froh, über unsere Songs den einen oder anderen Auftritt zu bekommen. Spotify und andere Dienste helfen uns in jedem Fall den Bekanntheitsgrad zu steigern unmd uns somit ins Gespräch bei den Veranstaltern zu kommen.

  3. Ich als DJ bin grundsätzlich kein Fan von Spotify und anderen Online Streaming Diensten. Die Qualität der Musik leidet Deutlich drunter und natürlich bekommen die Musiker / Künstler auch nur ein Bruchteil von dem was anfallen würde bei einem regulärem Kauf.

    Danke schöne neue Medien Welt 😉

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