Warum ich Kopfhörer nicht mag.


Posted on Mai 9th, by Christian Wenger in Akustik, Analog, Musikhören. 4 comments

Warum ich Kopfhörer nicht mag.

Kopfhörer sind auf immer mehr Köpfen anzutreffen und werden sogar ausschliesslich und auch zu Hause anstelle von Lautsprechern verwendet. Ich mag sie persönlich aus verschiedenen Gründen nicht:

Das Hauptproblem ist die „Im Kopf Lokalisation“ des Schalleregnisses: Der Effekt bewirkt das Fehlen einer Entfernungs-Information und erzeugt eine räumliche Wahrnehmung, die sich in unsererem Kopf und über unserem Kopf abspielt. Damit ist eine Wahrnehmung der Musik wie im Original nicht möglich. Das äussert sich im Fehlen einer räumlich fassbaren Klangbühne und damit einer eingeschränkten Ortbarkeit der Instrumente und Stimmen.

Im Konzertsaal oder mit Lautsprechern wirkt die Musik zudem nicht nur auf unsere Gehöre ein, sondern auch auf den Körper. Tiefe Frequenzen sind nicht nur hörbar sondern auch fühlbar und erzeugen ein Gefühl der Wirklichkeit, wenn sie über gute Lautsprecher richtig wiedergegeben werden. Die meisten Kopfhörer übertragen sehr tiefe Frequenzen sehr linear bis etwa 20Hz aber es fühlt sich trotzdem nicht so eindrücklich an, wie mit wirklich guten Lautsprechern. Wir hören nicht nur mit den Ohren, Kopfhörer wirken aber nur auf die Ohren.

Viele Kopfhörer sind so konstruiert, dass sie die Hörfunktion der Ohrmuschel nicht richtig einbeziehen. Vor allem In-Ear Ohrhörer wirken direkt in den Gehörgang und On-Ear-Kopfhörer beinträchtigen die Hörwirkung der Helix und der Anti-Helix. Over-Ear-Kopfhörer und solche, die das Ohr kaum berühren, machen das besser.

Musikaufnahmen in Stereo oder Mehrkanal-Verfahren werden für Räume mit Lautsprechern hergestellt. Kunstkopf-Aufnahmen bilden eine eher seltene Ausnahme. Letztere sind geeignet für die Wiedergabe über Kopfhörer aber leider nicht so gut für die Wiedergabe über Lautsprecher.

Wie fühlt es sich an?
Wenn ich mit guten Kopfhörern Musik höre bin ich ungestört und höre sehr viele Details. Ich fühle mich aber in einem unwirklichen Schwebe-Zustand und kann mich räumlich nicht orientieren. Wenn ich den Kopf drehe, dreht sich das Orchester mit. Ich kann verschiedene Entfernungen nur erahnen. Das stresst nach einigen Minuten. Nach einer gewissen Zeit stellt sich ein „wattiges“ Gefühl an meinen Ohren ein und je nach dem eine unangenehme Erwärmung.

Ein bekanntes Problem
Das ist den Herstellern nicht neu, weshalb man heutzutage mit 3D-Wiedergabe für Kopfhörer experimentiert. Dabei wird natürlich das „natürliche“ Musiksignal so verändert, dass wir es mit Kopfhörern realistischer wahrnehmen. – Auf Kosten der wahrgenommenen Natürlichkeit und der Richtigkeit. Die Richtigkeit wird von unserem Gehirn bestimmt, im Vergleich mit erlernten und „gespeicherten“ Reizmustern. Eine überzeugende Lösung ist für Kopfhörer nicht in Sicht. Man erzielt derzeit höchstens den Effekt der Verblüffung.

Das grosse Geschäft
Kopfhörer sind heute die bei weitem am meisten verkauften Audio-Produkte, ein grosses Geschäft also. Das ist dem vergleichsweise tiefen Preis und der Mobilität geschuldet. Es ist ein Unterschied, wenn ich zu Hause verkünde: „Schatz, ich habe einen Kopfhörer gekauft“ als wenn ich von mir gebe, „Schatz, ich habe ein paar tolle Lautsprecher erworben“.

Ich habe grundsätzlich nichts gegen die Vorteile von Kopfhörern einzuwenden, aber es ist eben nicht das gleiche wie ein Konzert oder ein akustisch wohltemperiertes Wohnzimmer mit perfekten Lautsprechern.

— The End —





4 Gedanken zu “Warum ich Kopfhörer nicht mag.

  1. So habe ich das ganze noch gar nicht betrachtet. Wahrscheinlich würde ich Lautsprecher auch vorziehen, wenn ich die Wahl hätte, aber ich muss leider sehr viel Rücksicht auf Familie und Co nehmen 😮

    • Klar. In dieser Beziehung haben Kopfhörer Vorteile. Daran ist nichts zu bemängeln. Augenfällig ist es in den Tonstudios, wo immer über Lautsprecher abgemischt und gemastert wird. Danke für den Kommentar!

  2. Finde deine Überlegungen auch sehr interessant!

    Leider muss ich auch Rücksicht nehmen, da ich in einer Wohnung leben.

    Von früher kenne ich es aber noch Musik aus guten Boxen zu hören. Und ich muss sage es fehlt mir, richtig aufdrehen zu können.
    lg lenny

  3. So, nachdem ich diesen Blog gefunden habe und mir scheint, dass ich hier gut aufgehoben bin, will ich hier auch gleich ein wenig „wildern“ 😉 Da ich gerne ins Schwadronieren komme, hoffe ich, dass mein Beiträge nicht zu als zu lang empfunden werden.

    Kopfhörer… ja, das ist so eine Sache. Will man mal lauter Musik hören, besonders abends, dann sind Kopfhöhrer sicherlich die Mittel der Wahl. Selbst wenn die LS auch bei niedrigen Pegeln hervorragend abbilden, sind aufkommende Störgeräusche doppelt nervig.
    Die Räumlichkeit ist in der Tat ein Problem. Der Tag an dem ich in jungen Jahren meinen ersten Sennheiser bekommen habe, war ein Augenöffner. Als ich dann wenige Monate später meine ersten „richtigen“ Boxen angeschafft hatte, habe ich den Kopfhörer kaum mehr angefasst. So was spricht für sich, denke ich. Das Hören und Wahrnehmen über Lautsprecher ist kaum zu ersetzten.

    Dennoch, mit einem guten Kopfhörer, dazu vielleicht mit einem ordentlichen Verstärker, der entsprechenden Muse zum Musikhören und einer guten Aufnahme kommt man recht weit.

    Ein interessantes Konzept ist mir vor wenigen Jahren in Form des Corsair Gaming-Headsets HS1 (ich hoffe den Namen hier nennen zu dürfen) unter gekommen (Ich weiss, Gaming-Headsets in einem Hifi-Blog… das hat schon was von Kulturbolschewismus 😉 ). Mit entsprechender Software liefert er eine 7.1 Surroundsimulation und hat einen integrierten DAC in Form eines USB-Dongles u.a.. Auch wenn Surroundtechnik eher für Effkte bei Filmen oder Computerspielen engesetzt wird, halte ich es für vorstellbar, gute Aufnahmen entsprechend zu mischen um damit Räumlichkeit zu vermitteln. Wenn, ja wenn der KH für Musik taugen würde.
    Und in der Tat der HS1 taugt nicht für die audiophile Wiedergabe – ist eher für elektronische Musik geeignet, oder für MP3. Aber der Gedanke gefällt mir, dass es vielleicht Kopfhörerhersteller gibt, die an einer entsprechenden Hifi-Lösung basteln. Und vielleicht gibt es ja mal eine Lösung, die uns Räumlichkeit aufs Ohr und Ruhe vor den Nachbarn liefert. Auch ohne große Summen berappen zu müssen.

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