Sinnfreie Kritik am Record Store Day


Posted on April 16th, by Christian Wenger in Analog. 1 Comment

Sinnfreie Kritik am Record Store Day

Die Deutsche Online-Seite „Musikexpress“ kritisiert den Record Store Day als billiges Marketing-Tool der Major Labels. Was steckt dahinter?

Seit 2007 gibt es jährlich den Record Store Day. Ein Tag an dem viele Musikfans in die Plattenläden strömen, um Musik auf Vinyl zu kaufen. Ein Tag an dem viele Plattengeschäfte einen ganzen Monatsumsatz einfahren, gefolgt von Tagen an denen das nicht so ist. Zunehmend gerät aber der Record Store Day ins Feuer der Kritik, weil er von den grossen Major Labels benutzt würde und zwar „als weiteren Event im jährlichen Musikindustrie-Zirkus“. Diese lancieren exakt auf diesen Tag zahlreiche Vinyl-Alben mit fraglichem Sammlerwert. Darunter habe es viel farbiges Vinyl, Limitted Editions, alles aus den Back-Katalogen der Majors entnommen und künstlich überteuert auf den Markt geworfen. Demgegenüber sollen die Independent Labels verdrängt werden, weil sich die Major Labels zu sehr aufplustern würden.

Das klingt nach der Gefühlsregung der Empörung, heutzutage weit verbreitet in Politik und Gesellschaft und auch den Medien. Das Feindbild ist klar umrissen: Es sind die „bösen Major Labels“, welche die „guten Independent Labels (Indies)“ niedermachen, indem sie die „guten und armen Plattenläden“ für ihre Zwecke benutzen. Im Märchen-Kontext ist das also die böse Königin, die den guten und schönen Prinz verzaubert, um an das gute, schöne Mädchen heranzukommen, welches gerne Prinzessin (und später Königin) würde, wenn sich die Gelegenheit denn böte.

Die Empörung erhält nun auch noch Unterstützung durch die etablierten Platten-Liebhaber und -Sammler, die dem Record Store Day ebenfalls ablehnend gegenüberstehen und dazu auch noch dem Vinylboom. Die Leute also, die Vinyl am liebsten nur für sich hätten. Die Leute, die das Thema im Sinn von speziellem Interesse beanspruchen und diese „Arglosen Konsumenten des schwarzen Golds“ und diese „Geldgeilen Major Labels“ am liebsten hinter die Dünen sendeten. Es sind die Dogmatiker, die mithelfen einen Trend zu bekämpfen, den sie einst versuchten heraufzubeschwören.

Das gelang aber nicht und sie können sich kein Ruhmesblatt aufs Haupt stecken. Als Vinyl vor 10 Jahren von diesem Grüppchen allein genossen wurde, gingen die Plattenläden zugrunde. Die Renaissance kam nicht aus der Klassik und dem Jazz, sondern vom HipHop und seinen gewieften Produzenten, die DJ’s mit den nützliche Platten versorgten. Das Interesse vieler Indies war kommerzieller Natur.

Die Vinyl-Konsumenten mögen oft arglos sein, indem was sie da kaufen, aber sie sind wenigstens begeistert vom Tonträger. Genau wie Leute, die sich in Buchhandlungen Bücher kaufen, meistens Belletristik und weniger die hohe Dichtung. Leute die keine Dichter-Lesungen besuchen würden.

Die oft verteufelte Musikindustrie hat wieder einen Weg gefunden, die Musik tatsächlich gewinnbringend zu verkaufen und viele mitunter berühmte Popgrössen verdienen an 1000 verkauften Vinyl-Alben mehr als an Millionen Streams von Spotify. Das ist ein kleiner Anfang, das Vorspiel des Aufatmens. Deshalb ist Kritik am Record Store Day meiner Ansicht nach müssig und irgendwie zum Gähnen langweilig. Lasst den Musikfans doch einfach ihre Freiheit zur Eintscheidung, was sie mögen und was nicht, genau wie bei den Büchern.

Der Artikel in Musikexpress





Ein Gedanke zu “Sinnfreie Kritik am Record Store Day

  1. Kann ich nur zustimmen. Ich habe einen guten bekannten der für den Dodo Beach Recordstore in Berlin arbeitet und der Record Store Day ist jedes Jahr ein wahnsinnig Umsatzstarker Tag. Zudem gibt es extrem gute Livemusik und dies nutzt einfach jedem Beteiligten. Die Motz-Kultur findet aber natürlich immer ein Haar in der Suppe. Traurig.

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