Klingen Schallplatten besser?


Posted on Mai 23rd, by Christian Wenger in Analog, Musikhören. No Comments

Klingen Schallplatten besser?

Für die einen ist das ein klarer Fall und wird mit JA beantwortet. Für die anderen bestehen Zweifel an der klanglichen Überlegenheit von Vinyl-Schallplatten. Hier einige Fakten und Erfahrungen mit dem ‚vinylen Gutklang‘.

Auch viele Anhänger der hochauflösenden digitalen Musikwiedergabe räumen ein, dass Musik von Schallplatten klanglich überlegen sein kann, sofern die Qualität der Schallplatte (Pressung), der Aufnahme und die Qualität der Komponenten (Laufwerk, Tonarm, Tonabnehmer und Phono-Verstärkung) stimmt. Auf der Suche nach Gründen für das Phänomen kristallisieren sich die folgenden möglichen Ursachen heraus:

Frequenzumfang:
Lange Zeit wurde der grössere Frequenzbereich der Schallplatte als Ursache genannt. Die Schallplatte kann Frequenzen bis ca. 40kHz speichern. Instrumente erzeugen tatsächlich messbare Oberwellen bis in diesen Grenzbereich. Aufnahme-Mikrophone können das übertragen und die Tonabnehmer ebenfalls. Bei den Lautsprechern und Kopfhörern sind hingegen Grenzen gesetzt, genau wie beim Gehör. Bei einem Menschen mittleren Alters ist bei 16kHz spätestens Schluss. Der Einfluss dieser Oberwellen auf die Wellenform tieferer Oberwellen ist nicht schlüssig nachweisbar. Seit die digitale Musikwiedergabe mit hoher Auflösung aber ebenfalls in diesen Frequenzbereich vorstösst, hat diese mögliche Ursache endgültig an Bedeutung eingebüsst.

Grundgeräusch:
Die Schallplatte erzeugt beim Abspielen ein Grundgeräusch in Form eines deutlich wahrnehmbaren Rauschens, welches auch tieffrequente Anteile enthält. Das Grundgeräusch vermischt sich mit dem massiv lauteren Musiksignal und bewirkt eine Art ‚Groove‘ der wiederum eine emotional ansprechende Wirkung erzeugen kann, obwohl das Geräusch keinen Bezug zur gespeicherten Musik aufweist. Die Wirkung bleibt auch dann nicht aus, wenn die Schallplatte mit einem digitalen Master produziert wurde. Demnach hat das Grundgeräusch eine logische Relevanz.

Verzerrungen:
Die meist elektromagnetischen Tonabnehmer verfügen über eine geringe Masse, die sich bei steilflankigen Tonsignalen, insbesondere beim sog. Aufschwingen und Abschwingen durch geringste Verzögerungen bemerkbar macht. Man spricht auch von dynamischen Verzerrungen, die auf die bewegte Masse zurückgeführt werden. Auch dieses Argument hat eine logische Relevanz, weil sich der Effekt auch bei digital gemasterten Schallplatten zeigt.

Von A bis Z analog:
Vor den späten 1970er Jahren war eine Schallplatte von der Aufnahme bis zur Wiedergabe durchgängig analog, weil es die digitale Tonkunst nicht gab. Selbst die Instrumente namens Synthesizer waren damals analoge Geräte, die künstliche Klänge erzeugen konnten. Heute sind die allermeisten Musikproduktionen digital und führen deshalb zu einem digitalen Master , das wiederum auch für die Herstellung von Vinylschallplatten verwendet wird. Das Argument hat an Aktualität eingebüsst und hält einer kritischen Betrachtung nicht stand.

Die beiden aus meiner Sicht relevanten Argumente haben die Gemeinsamkeit, dass sie eine Klangverfälschung beschreiben, die als angenehm empfunden wird. – Schön ist demnach nicht unbedingt richtig.

Arten von Vinylschallplatten:
Liebhaber von Vinylschallplatten finden heute ein reichhaltiges Angebot. Dieses gliedert sich in sog. Neupressungen, also neu hergestellte Schallplatten und ältere Pressungen bis hin zu den Originalpressungen. Der Zeitpunkt der Pressung hat einen Einfluss auf die Tonqualität.

Originalpressungen stammen ‚aus der Zeit‘ als die Schallplatte erstmals hergestellt wurde. Man meint damit Schallplatten aus der Analog-Ära, die zudem mit dem Masterband (Tonband) der ursprünglichen Aufnahme produziert wurden. Originalpressungen können abhängig von der Qualität und Sorgfalt der damaligen Herstellung sehr gute Klangeigenschaften aufweisen, weil sie mit dem damals noch unverbrauchten Masterband erzeugt wurden. Die qualitative Bandbreite ist allerdings erfahrungsgemäss sehr gross.

Ältere Pressungen sind spätere Pressungen oder Nachpressungen, basierend auf Kopien der Masterbänder. Bei Sammlern geniessen solche Pressungen wenig Respekt, weil sie erst später infolge der Nachfrage entstanden. Qualitativ können sie sehr gut sein, abhängig von der Sorgfalt der Herstellung.

Neupressungen sind aktuelle oder neuere Nachpressungen auf Basis der Original-Masterbänder. Da die Lagerung der Masterbänder über mehrere Jahrzehnte zu Qualitätseinbussen führte, haben sie qualitative Nachteile gegenüber den Originalpressungen. Diese Nachteile können aber in der Praxis durch die sorgfältige Restaurierung kompensiert werden. Paradoxerweise erfolgt die Restaurierung oft mit digitalen Prozessen (!).

Aktuelle Musik auf Schallplatte bezeichnet neues Musikmaterial, welches auch auf Vinylschallplatte angeboten wird. Viele kontemporäre Musiker bringen Ihre Musik wieder auf Schallplatte heraus. Die verwendeten Master sind meistens digital und auch dieselben wie für digitale Tonträger (CD, Downloads) verwendet.

Lathe

Abschliessend noch ein wichtiger Aspekt: Die Lackfolie ist der erste Produktionsschritt einer Vinlyschallplatte. Sie wird mit einem sog. Lathe geschnitten. Der Lathe ist die Umkehrung des Tonabnehmers bei der Wiedergabe. Diese hochpräzisen ‚Rillen-Ritzer‘ kommen langsam ins Alter und werden immer wieder eingesetzt. Die damaligen Hersteller der Geräte sind nicht mehr aktiv und die Branche muss einen Weg finden, diese Schneidgeräte durch neue Geräte zu ersetzen. Ich bin optimistisch, denn die Nachfrage an neuen Schallplatten wächst jährlich 2-stellig.





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