Digital-Vinyl


Posted on November 3rd, by Christian Wenger in Analog. No Comments

Digital-Vinyl

Sind Vinylschallplatten überhaupt noch analoge Tonträger? Vordergründig sind sie das bestimmt, man sieht es ihnen an. Mit ihrer Produktion verhält es sich allerdings anders. Dort ist digitale Bearbeitung nicht mehr wegzudenken.

Wenn man eine Vinylschallplatte kauft oder besitzt, die z.B. in den 1960er Jahren hergestellt wurde, dann besitzt man einen durchgängig analogen Tonträger. Kauft man sich aber heute eine Neupressung derselben Schallplatte, dann ist das grösstenteils nicht mehr der Fall. Selbst dann nicht, wenn dasselbe analoge Masterband verwendet wurde.

Analogtechnik bis Ende der 1970er Jahre
Damals erfolgte die Aufnahme analog und führte zum sog. Masterband. Daraus wurde mit dem Lathe eine Lackfolie geschnitten. Daraus entstand dann in einem mehrstufigen Prozess die Pressmatritze für beide Seiten der Schallplatte und damit wurde produziert.

Digitaltechnik ab Ende der 1970er Jahre
Plötzlich gab es „Digital Recording“. Anfänglich wurde ebenfalls ein Masterband produziert, aber es enthielt digitale Informationen, also Daten. Die Daten wurden mit damals üblichen D/A-Wandlern in ein analoges Signal umgewandelt. Der weitere Prozess blieb sich gleich.

Re-Mastering und Restaurierung
Als die Schallplatte um die Jahrtausendwende wieder vermehrt in Mode kam, wurde sie wieder neu produziert. Es gab von den alten Schallplatten in neuwertigem Zustand nur noch geringe Lagerbestände und Originale aus der Zeit auf dem Gebrauchtmarkt zu kaufen. Die analogen Masterbänder zeigten aber bereits Alterserscheinungen, trotz sorgfältiger Lagerung während Jahrzehnten. Die Qualität hatte nachgelassen. Das kann man korrigieren, eine sorgfältige Restaurierung ist aber mit analoger Bearbeitung sehr schwierig. In den meisten Fällen wird das Signal vom Analogband also mit einem A/D-Wandler in PCM konvertiert und dann gemastert und zwar im Sinn einer Restaurierung, vergleichbar mit dem Auffrischen eines alten Gemäldes. Das digitale Resultat wird dann wieder D/A-gewandelt, zwecks Produktion einer Lackfolie mittels Lathe usw.

Konsequenz bei Neupressungen
Wer also heute eine Neupressung erwirbt, der hat in den meisten Fällen eine Schallplatte in Händen, die nicht mehr durchgängig analog hergestellt wurde. – Im Unterschied zu den alten Pressungen vor Ende der 1970er Jahren. Ausnahmen sind Neupressungen, bei denen auf eine Restaurierung verzichtet wurde, entweder weil das Masterband sehr gut erhalten ist oder weil man mit der Qualitätseinbusse leben will/kann.

Auswirkung auf den analogen Klang
Die digitale Restaurierung bewirkt aber keineswegs eine „Digitalisierung“ des Klangs. Wenn gute Arbeit geleistet wird, dann stimmt das Resultat. Das „analoge Klangfeeling“ ensteht grossteils bei der Wiedergabe via Tonabnehmer usw. Deshalb kann auch digital produzierte Musik von heute auf Vinyl gepresst und analog wiedergegeben, durchaus besser klingen.

Zusammenfassung

  1. Wer Neupressungen erwirbt, muss wissen, dass sie meistens digital gemastert wurden, auch wenn das Ur-Master analog produziert wurde.
  2. Wer digitales Re-Mastering ablehnt (aus welchen Gründen auch immer), der ist gehalten, alte Pressungen zu erwerben. Davon hat es auf dem Gebrauchtmarkt genug.
  3. Eine digital gemasterte Neupressung kann durchaus besser klingen als eine Originalpressung oder eine alte Pressung, weil die Produktionsqualität damals nicht per se besser war als heute. Im Gegenteil, die Stückzahlen waren damals viel grösser.

Man muss heute in gewisser Weise entscheiden, ob man ein „Analog-Fundamentalist“ sein will, oder ob man die Digitaltechnik auch bei Vinyl akzeptiert. Dazu muss man einfach gut hinhören.
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Auf dem Bild (älteren Datums) sieht man ein Mastering-Studio für die Produktion von Vinylschallplatten.

  • Bildmitte: Analoge Bandmaschine
  • Linke Hälfte: Mastering-Konsole mit digitalem Equipment
  • Rechte Hälfte: Schneid-Vorrichtung mit Lathe




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