Aufmerksam hört besser..


Posted on April 8th, by Christian Wenger in Analog. 4 comments

Aufmerksam hört besser..

Besserer Klang dank Schallplatten  ist kein neues Thema. Das Interesse daran ist hingegen grösser denn je. Immer mehr Menschen suchen nach Erklärungen, denn immer mehr hören Musik ab Schallplatte.

Bislang gab es vereinfacht zwei Meinungen zum Thema Klangvorteile von Vinyl:

  1. Vinyl soll keine klangliche Vorteile aufweisen, jedoch sei das Gesamterlebnis intensiver und daher werden Schallplatten wieder abgespielt. Damit ist das Ritual und die Haptik gemeint.
  2. Vinyl klinge besser als Musik von digitalen Medien, weil sie direkt analog, ohne digitale Umwege, an unser Ohr gelangt. Dabei wird auch die unterbewusste Wahrnehmung ins Spiel gebracht.

Die Theorie der gesteigerten Aufmerksamkeit
Nun gibt es eine interessante Variante der ersten Theorie. Grundsätzlich soll Vinyl keine Klangvorteile mitbringen, jedoch würden Schallplatten aufmerksamer gehört als Musik aus digitalen Quellen. Durch die gesteigerte Aufmerksamkeit würde ein intensiveres Hörerlebnis gewonnen, welches darum als schöner wahrgenommen wird.

Das klingt im ersten Moment überzeugend. Tatsächlich wird Musik heute vorwiegend nebenbei konsumiert. Viele Menschen nehmen sich die Zeit nicht, Musik aufmerksam zu hören, vergleichbar mit dem Lesen eines guten Buchs. Daran sind die digitalen Medien nicht unschuldig. Sie haben den Zugang zu Musik vereinfacht, aber auch nachlässiger gemacht.

Wenn nun normale Menschen, die eigentlich kein audiophiles Interesse haben, plötzlich wieder Schallplatten hören, dann ist es, wie wenn jemand nach langer Zeit wieder ein Buch in die Hand nimmt. Sie richten Ihre volle Aufmerksamkeit auf das Medium und die Musik und glauben deshalb, es würde dank dem Medium Schallplatte besser klingen.

Die These hinkt.
Gewiss ist die Aufmerksamkeit ein Thema. Es geht um die Schärfung der Sinne. Konzentrieren wir uns auf einen unserer Sinne, dann steigert sich dessen Leistung. Blinde können besser hören. Konzentration führt zu verbesserter Wahrnehmung. Wenn im Restaurant das Essen kommt, verstummen plötzlich die Gespräche (vielleicht auch, weil man mit vollem Mund nicht spricht). Unser Gehirn ist nicht fähig mehrere Dinge gleichzeitig zu verarbeiten, ohne dass irgendwo die Leistung nachlässt. Multi-Tasking soll gemäss neuerer Forschung eine Illusion sein.

Es gibt aber auch Musikhörer, die Musik sowohl von digitalen Medien als auch mit Schallplatte sehr aufmersam hören. Ich bin überzeugt, dass viele meiner Leser das tun. Viele von Ihnen kommen zum Schluss, dass Musik ab Schallplatte intensiver klingt oder ausgewogener oder unterbewusst ansprechender. Bei diesen Menschen kann verringerte Aufmerksamkeit beim Musikhören nicht als Erklärung dienen. Sie sind sich aufmerksames Musikhören gewohnt.

Es ist sehr schwer für individuelle und ggf. abweichende Eindrücke eine einheitliche Erklärung zu finden. Auch das technische Verständnis versagt Erklärungen. Viele Schallplatten beruhen auf digitalen Aufnahmen oder digitalem Re-Mastering, sind also keine durchgängig analog entstandenen Musikaufnahmen mehr. Andererseits bevorzugen viele Analog-Freaks alte Originalpressungen.

Im Endeffekt ist es positiv.

Es ist aber für jede Interessengruppe positiv. Wenn dank gesteigerter Aufmerksamkeit beim Schallplatten-Hören schönere Musikerlebnisse entstehen, dann profitieren Viele. Sie schaffen sich wieder einen intensiven Zugang zu Musik. – Dank der Schallplatten. Wenn der Vinyl-Boom eben das bewirkt, dann ist der Mehrheit geholfen und auch der Musikindustrie.

Wenn man tiefer ins Thema eintaucht, kann und darf man weiter differenzieren, philosophieren und Thesen entwickeln. Die Beschäftigung damit wird Befriedigung schaffen und Musik wird wieder auf Händen getragen.





4 Gedanken zu “Aufmerksam hört besser..

  1. Solange Musik auf der b e w u ß t e n Ebene als seiend empfunden wird, ist der angeführte klangliche Unterschied zwischen der analogen
    Langspielplatte und der digitalen Compactdisc lediglich das Ergebnis intellektueller Vorgänge, zu denen die Bewertung auf Grund von Vergleichen des im Gedächtnis gespeicherten Wissens zählt, das aus ( Hör- ) Erfahrungen hervorgegangen ist, die immer die Vergangenheit bilden.

    Der u n b e w u ß t e Geist hingegen, der kein komplexes Schallereignis konstruiert, sondern der das empfängt, was ihm die Ohren als sensorische Reize liefern –
    die von ihm unmittelbar in seine eigene neuronale Sprache übersetzt werden -, ist viel subtiler und schneller als das Bewußte !
    Er nimmt die Transienten oder Einschwingvorgänge wahr, deren Form und Zeitdauer bei beiden Medien sehr wohl verschieden voneinander sind.

    Hier ist die wirklich analoge LP einfach näher dran an den natürlichen, nicht – reproduzierten Schallereignissen, als der digitale Datenträger.

    Hans-Ulrich Rahe

  2. Nur für Aufmerksamkeit braucht man aber kein Vinyl. Ich finde, dass ohnehin viele Menschen Musik nur nebenbei hören. Aber Musik ist so viel mehr wert als das. Ich höre oft gezielt bestimmte Alben auf den Kopfhörern und sitze dabei einfach nur auf einer Parkbank.

  3. Auch wenn ich ein Riesen Fan von Schallplatten bin, hab mir über die letzten paar Jahre eine kleinere Sammlung angehäuft, finde ich nicht, dass Schallplatten wieder mehr Hörgenuss vermitteln.
    Klar in unserer heutigen Zeit nehmen wir die Musik sicher oft nicht mehr so bewusst war, wir werden ja quasi dauerhaft mit Reizen und Eindrücken jeder Art bombardiert.

    Schallplatten zu Hause hören ist natürlich da eine ganz andere Sache. Dafür muss man sich Zeit nehmen, da ist es dann auch klar, dass man die Musik anders wahrnimmt. Das gelingt mir persönlich aber auch mit Kopfhörer wenn ich im Bett oder in der Hängematte liege.

    Dennoch möchte ich es nicht missen ab und zu das ein oder andere Lied der Beatles über meinen Plattenspieler zu hören!

    Liebe Grüße wünscht
    Fabian

  4. Wer war zuerst da: Henne oder Huhn? In diesem Fall ist es eindeutig. die Langspielplatte.
    Und ich muss gestehen: ich bin ein Opfer des 80iger Jahre Testzeitschriften Hypes geworden und hatte mich zu damaliger Zeit von Analog verabschiedet, bereuen tue ich es allerdings nicht.
    Würde ich mich heute nochmal so entscheiden? Eher nicht. Damals war man jung und (zu) leichtgläubig.
    Innerhalb dieser Jahre habe ich wohl insgesamt CD Player, Laufwerke, Digital/Analog Wandler im über Zehntausend stelligen Bereich angeschafft und wieder verkauft.
    Nicht nachvollziehen kann ich die sog.gefühlte Anfass Qualität einer LP. Denn schließlich soll sie sich doch irgendwann auf dem Plattenteller drehen.
    Für viele mag das justieren des Tonarms, Tonabnehmer eine Art Lebensgefühl darstellen. Für mich war es immer nur lästig, wobei mir dafür oft die ruhige Hand fehlte.
    Hätte ich dreißig Jahre weiter die LP gesammelt, würde ich heute gewiss ein Platzproblem in meiner Wohnung haben. Und keineswegs waren schon damals alle LP s klanglich so von überragender Qualität, dass sie immer zum Vorteil gereichten.
    Der Bequemlichkeit einer Fernbedienung sei es am Preamp oder CD Player möchte ich heute ebenfalls nicht mehr missen. Dreißig Jahre Lebensalter sind einer gewissen Bequemlichkeit nicht spurlos vorbeigegangen.
    Das Thema Analog / Digital hab ich ad acta zu Gunsten der CD gelegt, womit ich mich nicht entschieden habe was nun „besser“ wäre. Übrigens lassen sich bisher alle alten CDs einwandfrei abspielen, obwohl man immer sagte dass diese nur eine begrenzte Lebensdauer aufweisen. Auch diese Aussage hat sich jedenfalls bisher nicht bewahrheitet.

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