Konzert oder Hifi – eine musikalische Analyse


Posted on April 3rd, by Christian Wenger in Akustik, Musikhören. No Comments

Konzert oder Hifi – eine musikalische Analyse

Haben Sie je einen Musikhörer oder Kritiker getroffen, der den Klang in einem Konzert als analytisch oder musikalisch umschrieben hätte? Vielleicht haben Sie das. Wenn Musikhörer hingegen vor Ihrer eigenen Musikanlage sitzen, dann sprudeln die Adjektive, mit denen man den Höreindruck beschreibt, nur so hervor. Woran liegt das?

Musikhörer hören Musik viel öfter über Hifi-Anlagen als in Konzerten, bedingt durch die beschränkte Gelegenheit und Zeit, Konzerte zu besuchen und die erheblichen Kosten. Dazu kommt die vielfältige Musikauswahl ab Tonträger, längst verstorbene Musiker eingeschlossen. Ich kenne z.B. niemanden, der Billie Holiday jemals live gehört hätte.

Im Konzert hören wir immer in einer Konzertlautstärke, also wesentlich lauter als zuhause. Zudem sind wir emotional fokussiert und die Eindrücke (die Stimmung) verstärken das Hörerlebnis. Wir sind aber an Konzerten auch weniger kritisch, wenn es um die Klangqualität geht.

Genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Konzerte sind irgendwie sakrosankt, die Musikwiedergabe zuhause hingegen hinterfragen wir (zu) oft und (zu) kritisch. Niemand geht in einem Konzert zum Mischpult und bittet die Leute um Verbesserungen, damit wir das Konzert z.B. räumlicher hören können. Zuhause verschieben und verdrehen wir gerne unsere Lautsprecher um die räumliche Klangbühne zu verändern. Es ist gerade so, als würden wir ständig einem ideal (dem Konzert) nachrennen und es stellt sich die Frage, ob Konzerte wirklich sakrosankt sind und als Ideal standhalten.

Das Konzert als Gesamterlebnis ist sakrosankt. Die Atmosphäre und die Präsenz der Musiker sind nicht zu übertreffen. Es ist ein Fest für mehr Sinne als das Gehör allein. Popkonzerte sind aber musikalisch betrachtet eher bescheiden, da sie sich bedingt durch PA-Systeme (Beschallung) eher als eine Art Musikwiedergabe in Anwesenheit der Akteure charakterisieren. Man hört alles (wie zuhause) eben über Lautsprecher. Jazzkonzerte mit wenig Technik im kleinen Rahmen sind da wesentlich genussvoller. Man hört die Instrumente überwiegend direkt von der Bühne und kann das Geschehen auch mit geschlossenen Augen räumlich sehr gut wahrnehmen. Klassik-Konzerte (grosse Orchester) finden meist in grossen Konzertsälen statt. Beeindruckend sind die Dynamik und die Grösse des Klangs, die räumliche Ortbarkeit hingegen erscheint mir viel diffuser als bei der Hifi-Anlage zuhause. Das „Musikerlebnis Konzert“ ist demnach nicht sakrosankt, da wesentliche Elemente durch die Musikanlage zuhause besser überbracht werden können und man  auch immer am besten Platz sitzt.

Dazu kommt, dass gute Tonaufnahmen die Hörbedingungen des Wohnraums gezielt berücksichtigen. Bei Klassikaufnahmen treten die Solisten deutlicher hervor als im Konzert, um eine Beispiel zu nennen. Die Dynamik ist weniger hoch als im Konzert, was den viel kleineren Wohnräumen entgegenkommt.

Unter dem Strich habe ich insgesamt wenige Konzerte erlebt, die punkto Hörerlebnis wirklich besser gewesen wären, als die perfektionierte Musikwiedergabe zuhause oder im Hifi-Studio. Es macht also Sinn das „Original“ nicht so zu verherrlichen und die Musik zuhause einfach entspannt zu geniessen, im Wissen, dass diese Art von Musikerlebnis viel zu bieten hat.

(Bild: swiss.city-tourist.de)





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